Archiv für November 2012

Gedenken an Rolf Schulze

50 Menschen erinnerten gestern an den von (Neo)nazis ermordeten Obdachlosen in Lehnin

Als ein Angler den toten Rolf Schulze am 7. November 1992 am Kolpinsee, wenige Kilometer östlich der Gemeinde Kloster Lehnin (Landkreis Potsdam-Mittelmark), fand, muss die Leiche einen grauenvollen Eindruck hinterlassen haben. Eine fünf Kilogramm schwere Propangasflasche war, so hielt es das Gericht später fest, auf seinen Kopf geworfen worden. Zahlreiche Prellungen, Quetschungen und Platzwunden, zeugten von den Einwirkungen der Tritte mit Springerstiefeln, Wasser im Körper vom Tod durch Ertränken und Brandwunden von einem Vertuschungsversuch durch Anzünden des leblosen Leibes.
Trotzdem konnten die Täter damals verhältnismäßig schnell ermittelt werden. Es waren drei (Neo)nazis, Mitglieder der am 27. November 1992 verbotenen „Nationalistischen Front“ (NF) und der „Schönefelder Sturmtruppen“, die in Diskotheken mit dem Mord geprahlt hatten. „Sie wollten“, so die Angeklagten, „auf dem Bahnhof Schönefeld (Landkreis Dahme Spreewald) auf Patrouille gehen und ´Penner´ verscheuchen“. Dabei trafen sie auf den obdachlosen Rolf Schulze, der dort auf einer Parkbank schlief. Die (Neo)nazis lockten ihn in ihr, zuvor gestohlenes Auto und fuhren damit auf die Autobahn, in Richtung Westen, bis zur Abfahrt Lehnin. Von dort aus ging es dann zum Kolpinsee, wo die drei Täter Rolf Schulze zunächst brutal zusammentraten, mit der Gasflasche malträtierten, ertränkten und schließlich anzündeten.
Obwohl dieser Mord einer der wenigen Fälle in der Bundesrepublik ist, der auch von den Sicherheitsbehörden als Todesopfer (neo)nazistischer Gewalt anerkannt wird, hat ein wirkliches Gedenken an Rolf Schulze bisher nie stattgefunden.

Gedenkkundgebung in Lehnin

Unter dem Motto „Niemand ist Vergessen“ versammelten sich deshalb am gestrigen Abend, erstmals nach 20 Jahren, ca. 50 Menschen auf dem Markgrafenplatz in Kloster Lehnin um dem Toten wieder ein Gesicht zu geben und gegen gesellschaftliche Tendenzen zu mahnen, die solche Morde ermöglichen.
In einem Redebeitrag legte Judith Porath vom Verein Opferperspektive e.V. d, dass „die Täter (…) an gesellschaftlich tief verankerte negative Vorurteile gegenüber Wohnungslosen, Alkoholkranken und Langzeitarbeitslosen sowie Menschen mit Behinderungen“ anknüpfen. „In aktuellen Studien zu Einstellungensmustern in der Bevölkerung“, so Porath weiter, „äußerte jeder 10. Befragte Zustimmung zur sozialdarwinistischen Aussage „Es gibt wertes und unwertes Leben“. „38 Prozent der Befragten“ würden außerdem „Obdachlose in Städten“ als „unangenehm“ empfinden, „30 Prozent“ seien sogar „der Meinung“, dass „die meisten Obdachlosen (…) nur arbeitsscheu“ sind. Diese deutliche Tendenz der Entsolidarisierung und sozialen Kälte, habe in den letzten Jahren zu genommen, so die Sprecherin der Opferperspektive, sogar bei „Menschen die sonst viel Wert auf Würde des Menschen und die Achtung der Menschenrechte legen“.
Diese gesellschaftliche Ablehnung ist der Resonanzboden für die körperlichen Angriffe, die überdurchschnittlich hoch mit dem Tod eines Menschen enden.“, so Porath treffend. Die Opferperspektive e.V. fordere deshalb ein entschlossenes Entgegentreten gegen „rechte Ideologien“.
Gleichzeitig bekräftigte Porath auch die Forderung des Vereins nach offizieller Anerkennung aller Todesopfer (neo)nazistsicher Gewalt.
Ein Vertreter des Antifaschistischen Netzwerkes [AFN] regte in seinem Redebeitrag zudem ein regelmäßiges Gedenken an Rolf Schulze in Lehnin an. Auch eine Gedenkplatte, ähnlich wie die für Sven Beuter in Brandenburg an der Havel oder die für Emil Wendland in Neuruppin wäre in näherer Zukunft vorstellbar.
Positiv aufgenommen wurde das Gedenken von Schüler_innen und Vertreter_innen der Partei Die.Linke aus der Gemeinde. In einem Redebeitrag eines Parteimitgliedes wurde die Idee einer weiterführenden Erinnerungsarbeit, möglicherweise auch als Schulprojekt, ausdrücklich begrüßt.
Die Kundgebung endete mit einer Schweigeminute zum Gedenken an Rolf Schulze.

Solidaritätskonzert in Brandenburg an der Havel

Am Freitag, dem 9. November 2012, findet im Brandenburger „Haus der Offiziere“ (HdO) ab 20.00 Uhr das zweite Solidaritätskonzert des Antifaschistischen Netzwerkes [AFN] statt. Ein Teil der Einnahmen soll dabei an eine Gedenkinitiative gehen, die sich für eine würdige Erinnerung an Rolf Schulze einsetzt.

Pressefotos:

[1.] http://www.flickr.com/photos/presseservice_rathenow/sets/72157631956191694/ (07.11.2012)

Weitere Presseartikel zum Thema:

[2.] http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12420254/61009/Kundgebung-in-Lehnin-erinnerte-gestern-Abend-an-einen.html (08.11.2012)

[3.] http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12417681/61009/Antifaschisten-erinnern-in-Lehnin-und-Brandenburg-an-Mordtat.html (03.11.2012)